(Wien)
Karin Ferrari
Mit Unterstützung des Benno Barth Awards entwickelte Karin Ferrari eine neue analytische Perspektive auf pseudo-sakrale Architektur. Ihre Arbeit verbindet das allgegenwärtige Phänomen kommerzieller Gebäude, deren Strukturen und dekorative Elemente auf antike Sakralarchitektur verweisen, mit Recherchen zur Geschichte anonymer Architektur, Finanzkapitalismus und Bewusstseinskulturen. Ferrari unternahm eine Forschungsreise in die USA, um diese bizarren hybriden Bauwerke zu besuchen und zu dokumentieren: Ein Wellnesspool in einem Luxushotelresort in Las Vegas scheint einem neptunischen Kult geweiht zu sein. In Memphis, Tennessee, befindet sich ein pyramidenförmiges Einkaufszentrum, das größer ist als jede Pyramide in Ägypten. Und New Yorks turmhohe Bankgebäude erinnern an antike griechische Tempel, die damit die ursprüngliche Verbindung zwischen Schuld und Glaube wieder herstellen, wo die Wurzel des Wortes „Kredit“ dieselbe ist wie jene für „glauben“.
Im Laufe der Erforschung wurde das Thema pseudosakraler Architektur immer komplexer. Die Verbindungen zwischen den religiösen Wurzeln des Kapitalismus als Konstrukt der Imagination, und architektonischer Randphänomene wie Mega Churches in verlassenen Einkaufszentren lassen eine mächtige Neuerzählung über Randphänomene kommerzieller Architektur entstehen. In dieser Erzählung nach einem Protagonisten suchend fand Karin Ferrari schlussendlich in New York City einen Protagonisten der die Rolle zwischen weltlicher und sakraler Architektur verkörpert: Rooftop Temples of New York. Auf den Dächern von New Yorks Hochhäusern entdeckte sie Gebäude die als bloße Infrastruktur für Wassertanks, Handymasten oder Aufzugsmaschinenräume ignoriert werden, aber tatsächlich wie Kultstätten aussehen. Sie entwickelte daraus einen umfassenden morphologischen Index dieser Rooftop Temples, der visuelle und theoretische Verbindungen zwischen Sakralarchitektur und städtischer Infrastruktur herstellt. Damit entwickelt Archi_fictions of Ecstasy ein neues Vokabular, mit dem sakral-institutionell-mythologische Manifestationen in der urbanen Umgebung beschrieben werden können.
Text: Bernhard Garnicnig